15/10/2025
Kapitel 11 – Oma Edith und der Duft des Käsekuchens
Der Vormittag begann mit einem Duft.
Er kam leise aus der Küche, schlich über die Flure, legte sich in die Luft wie eine Erinnerung, die zurückkehren wollte.
Vanille. Butter. Kindheit.
„Na, Wilhelm,“ fragte Niki, „was meinst du – was da wohl gebacken wird?“
Wilhelm hob die Nase, schloss die Augen. „Des isch nix Diätisches. So hot’s bei meiner Mutter g’rocha, wenn Besuch komma isch. Käsekucha!“
Karl grinste. „Ich wett, du bisch bloß deswegen wach worda.“
„Wach? I bin im Dienst! Duftkontrolle!“
Frieda schüttelte den Kopf. „Ihr zwei seid wie Zimt und Zucker – ohne euch wär’s fad.“
„Und ohne dich,“ konterte Wilhelm, „wär’s zu still.“
Sonicus, den nur Niki sehen konnte, lag auf dem Fensterbrett, die Schwanzspitze im Licht.
„Ich rieche Glück in der Luft,“ flüsterte er. „Und vielleicht ein kleines Wunder.“
Niki lächelte. „Dann bleib da – heute lohnt es sich.“
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Die Bäckerin
Die Tür ging auf.
Oma Edith kam herein – klein, aufrecht, Schürzle straff, Dutt perfekt.
„So,“ sagte sie, „jetzt zeig i euch, wie ma Kucha macht, der nach Liebe schmeckt.“
„Das ist Edith,“ erklärte Niki. „Bäckerin aus Leidenschaft – und die Einzige, die mit den Jahren zarter statt mürber wird.“
Wilhelm klatschte. „Na dann her mit der Liebe!“
Edith lachte, nahm die Schüssel, rührte Quark, Zucker, Eier.
„Beim Käsekucha,“ sagte sie, „darf ma net hudla. Der will’s ruhig, g’schmeidig und mit Herz.“
Wilhelm nickte. „So bin i au.“
„Du bisch höchstens zäh,“ warf Karl ein.
„Dann bleib i wenigschtens frisch!“
Die Gruppe lachte. Lachen ist Bindung, dachte Niki. Da, wo Humor Platz hat, wächst Nähe.
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K.I.E.M. – Wenn Düfte sprechen
Niki stellte kleine Gläschen auf den Tisch.
„Wir spielen heute K.I.E.M. – das steht für Kennen, Inneres Erleben, Erzählen und Mitmachen.
Jeder Duft erzählt eine Erinnerung.“
Frieda roch am ersten Glas. „Des isch Zimt! Den riech i bis nach Jerusalem!“
Karl schnupperte an der Vanille. „So hot’s bei uns g’rocha, wenn mei Frau Geburtstag g’habt hat.“
Wilhelm nahm die Zitrone. „Des isch Sonnenschein in Pulverform.“
Und Emma – sonst so still – zeigte auf die Zwetschge. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Sonicus bewegte sacht die Luft. Ein Hauch Zwetschgenduft streifte Emmas Wange.
Für einen Moment war sie ganz da. Ihre Augen leuchteten – als würde sie jemanden sehen, den nur sie erkennt.
„Jetzt kommt das M – Mitmachen!“ rief Niki.
Zimt streuen, Vanille rühren, Zitrone pressen – der Raum vibrierte vor Lachen und Leben.
Dann flog aus dem Nichts ein Wölkchen Mehl durch die Luft – zart, wie aus einem Traum.
Es landete mitten auf Wilhelms Haar.
„Also ehrlich!“ rief Frieda. „Jetzt schaut er aus wie a Hefezopf!“
Karl prustete. „Vielleicht will der Kuchen, dass du mithilfst!“
Wilhelm strich sich über den Kopf. „Wenn des so weitergeht, geh i als Schneemann heim!“
Alle lachten, während Niki verstohlen zum Fenster blickte.
Sonicus tat unschuldig – aber seine Flügel zitterten vor Lachen.
Emma lächelte still in dieselbe Richtung.
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Das Backchaos
Der Kuchen war fast fertig, goldgelb im Ofen.
Da stolperte Karl über den Rollator.
Ein Stück Kuchen rutschte, fiel – pflopp! – mitten auf den Boden.
„Himmel, Herrgott!“ rief Edith.
Wilhelm schnaubte. „Na wenigstens isch der Teppich jetzt satt.“
Frieda wischte sich die Tränen.
Sonicus pustete leise – die Krümel sammelten sich wie von Zauberhand zu einem kleinen Haufen.
Niki sah es, zwinkerte. Niemand sonst merkte etwas. Nur Emma nickte still.
Edith seufzte, dann lächelte sie:
„Weißt du, Mädele, in 98 Johr lern i: Nix isch perfekt. Aber mit Humor wird’s gut durch.“
„Und mit Käsekuchen,“ flüsterte Sonicus.
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Ein Moment, der bleibt
Der zweite Kuchen gelang.
Der Duft zog wieder durchs Haus – diesmal blieb er.
Edith verteilte Stücke. Emma bekam das erste, hob ihre Herzkarte – ihr Zeichen für Freude.
Wilhelm prostete mit Kaffee. „Auf die Edith!“
„Und auf den Zauber in der Küche!“ rief Frieda.
„Und auf mich,“ ergänzte Karl, „weil i freiwillig geputzt hab!“
Niki sah sie alle an. Vielleicht, dachte sie, ist Inklusion genau das:
Wenn jeder dazugehört – mit Lachen, Missgeschick und Mehl im Haar.
Sonicus summte leise, für Niki hörbar, für Emma fühlbar:
„Magie riecht nach Käsekuchen – und klingt nach Lachen.“
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Gesprächsimpulse
1. Welche Düfte erinnern euch an früher?
2. Wer hat bei euch den besten Kuchen gebacken?
3. Wie riecht für euch „Zuhause“?
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➡️Förderangebot – Der Duft der Erinnerung
Ablauf:
Nach dem Vorlesen werden kleine Gläschen mit Vanille, Zimt, Zitrone und Zwetschge herumgereicht.
Nach jedem Duft darf jede Person erzählen, woran er erinnert – oder einfach nur lächeln.
Variation:
Mit geschlossenen Augen raten, welcher Duft es ist.
Wirkung:
– Sinnesaktivierung
– Erinnerungspflege
– Emotionales Erleben
– Humor und Gemeinschaft
Barrierefrei:
Düfte erreichen auch Menschen, die kaum noch Sprache haben – Geruch ist Erinnerung ohne Worte.
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Nachklang der Betreuungskraft
„Vielleicht riecht Glück wirklich nach Käsekuchen.
Nach Wärme, Lachen – und einem kleinen bisschen Sonicus.“
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✨ Heilpädagogischer Mehrwert
Diese Geschichte nutzt multisensorische Reize (Geruch, Klang, Berührung, Humor), um Zugänge zu schaffen, wo Sprache allein nicht reicht.
Sie fördert Biografiearbeit, stärkt Selbstwirksamkeit („Ich erinnere mich, ich kann mitmachen“) und baut durch gemeinsames Lachen Spannungen ab.
Sonicus fungiert als metaphorischer Begleiter, der für innere Ressourcen, Lebensmut und Fantasie steht – alles zentrale Heilfaktoren in der Arbeit mit Senioren.
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Liebe Oma Edith,
zu Ihrem 98. Geburtstag haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht:
Sie sind die Hauptfigur in einem Kapitel unseres Buches „NIKI & SONICUS – Vergiss mein Nicht“!
Weil Sie so gern lesen – weil wir Ihnen so gerne zuschauen und weil Ihre positive Art einfach eine Geschichte verdient.
Vielleicht gefällt Ihnen Ihr literarisches Abenteuer ja – und wer weiß: Vielleicht verraten Sie uns dafür Ihr Käsekuchenrezept oder backen uns ja sogar mal einen.
Ps. Selbstverständlich erhalten Sie auch noch Post von uns.
Mit den herzlichsten Grüßen,
Ihre Nicole Hybl & Beate Hoß
und die zwei kleinen Naschkatzen
Niki & Sonicus