07/12/2025
Liebe Freunde,
am 2. Dezember wurde tapetopia der Hans & Lea Grundig Preis 2025 in der Kategorie Kunstvermittlung verliehen. Dies ist die Preis- und Dankesrede.
Den Vielen, die gratuliert haben, sagen tapetopia und aufnahme+wiedergabe einen in Neonrot leuchtenden DANK!
DANK senden tt und a+w insbesondere an Christiane Falk, Mark Reeder, Alexander Pehlemann und Olaf Zimmermann!
(Arrangement und Foto: Robert Mießner)
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Sehr geehrte Jury, liebe Preisträgerinnen, liebe Freunde und Gäste,
in der Serie „tapetopia – GDR Undergroundtapes“ werden seit 2019 Kassetten auf Vinyl veröffentlicht, die in der DDR-Subkultur in bescheidenen Auflagen, zumeist in geringsten Auflagen von zehn bis dreißig Kopien, kursierten. Die Namensliste der Bands und Projekte, die auf tapetopia erschienen sind oder demnächst erscheinen werden, liest sich wie reine Poesie:
Ornament & Verbrechen, Die Gehirne, Klick & Aus, Neu Rot, The Local Moon, Neuntage Alt, Corp Cruid, Der Expander Des Fortschritts, Heinz & Franz, Tropenkoller, Mahlsdorfer Wohnstuben Orchester, Rosa Beton, L’Ambassadeur des Ombres, Happy Straps, Rosa Extra, A.F. Moebius, Aufruhr zur Liebe, Nontoxic, Planlos, Die Frechheit, Fett, Der Demokratische Konsum oder FO 32 extra hart arbeitendes rastermaterial für kontakt.
Hinter diesen Namen stehen künstlerische Kollektive, die entweder verboten, bestenfalls geduldet, immer jedoch ungewollte Kinder eines Systems waren, das ihnen misstraute, dessen Kulturapparat ihnen mit Ablehnung bis Feindseligkeit begegnete. Nun erhalten diese Künstlerinnen und Künstler, stellvertretend durch tapetopia, den Hans und Lea Grundig Preis und es ergibt sich eine Frage: Was hätten die Grundigs dazu gesagt?
Das erste Jahrzehnt der DDR, kurz nach dem Krieg, bietet sich kaum an, um auf die politische Haltung von jemandem im vierzigjährigen Verlauf der DDR zu schließen. In den 1950er Jahren ging es politisch und ideologisch drunter und drüber, die Positionen waren oft noch nicht fester gefügt. Hans Grundig starb, man darf annehmen auch an den Spätfolgen seiner KZ-Haft, bereits 1958 im Alter von 57 Jahren. Bei Lea Grundig stellt sich die Frage nach dem, was man als ihre Antwort annehmen könnte, deutlicher. Lea Grundig starb 1977 und ohne aus ihrem Todesjahr tiefere Zusammenhänge herleiten zu wollen, ist dies genau jenes Jahr, in welchem ein Aufstand losbrach, der sich als politischer Protest und künstlerische Revolte, von England ausgehend über die westliche Welt und mit der Laufzeitverzögerung von wenigen Jahren auch im Osten im eigentlichen Sinne Bahn brach. Es dürfte kein Geheimnis sein – der Tumult von Punk war weder politisch noch künstlerisch nur ansatzweise mit einer kulturpolitischen Linie vereinbar, für die Lea Grundig in der DDR stand; auch nicht mit den verschiedensten Fusionen von Punk und anderen Genres, sämtlich als Postpunk deklariert, wie er auf tapetopia in seiner DDR-Variante zugänglich gemacht wird.
Insofern kann sich tapetopia kaum darauf berufen, mit dem Hans und Lea Grundig Preis in passgenauer Übereinstimmung zu seinen Namensgebern zu stehen. Und doch existiert diese Übereinstimmung in einer inneren Notwendigkeit, die einiges, was nicht deckungsgleich ist, in den Hintergrund rückt.
Es verbietet sich, die DDR in irgendeiner Weise mit dem Naziregime gleichzusetzen. Weder, was die Folgen durch Verfolgung und Repressionen betrifft, noch was einen Vergleich der ostdeutschen Gegenkultur mit dem politischen und künstlerischen Widerstand während des NS-Horrors angeht. Wie auch immer ihr späterer Lebensweg verlief – ein Weg, der übrigens nicht frei von Zweifeln war und auch nicht frei von Hilfe für in Misskredit Geratene –, die Grundigs haben in einer Zeit Haltung bewiesen, in der es um Leben und Tod ging. Sie zählten zu den Wenigen unter den Raren, die sich der NS-Diktatur verweigerten.
Hans Grundig saß zweimal im KZ, bevor er sich – das gehörte zum Irrsinn der Zeit – als Freiwilliger in eine SS-Division flüchten und dann zur Roten Armee überlaufen konnte. Hier wird ein Unterschied deutlich zwischen Biografie und Lebenslauf.
Lea Grundig war als Kommunistin, noch dazu als Jüdin, beinahe eineinhalb Jahre in einem Zuchthaus der N***s eingesperrt, bevor ihr mit viel Glück, nur einen Tag vor ihrer Deportation nach Ravensbrück, die Flucht aus dem Herrschaftsbereich ihrer Verfolger gelang. Unstern und Glücksstern traten hier in Konjunktion und das sollte, um dieses Bild weiter zu bemühen, zum Fixstern von Lea Grundigs Leben werden.
Erst durch die Lektüre von Marion Braschs Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ kam ich auch zu einem Verständnis für jene Generation, die dem renitenten Teil meiner Generation als ein Gegner gegenüber stand, mit dem man nichts teilte, jedenfalls nicht freiwillig. Die geläufige Lesart dieses Buches ist immer grundiert durch die Legende um Thomas Brasch. Doch die nicht minder gebrochene Figur dieses Buches ist der Vater der Braschs, Horst Brasch – ebenso wie Lea Grundig: Kommunist, Jude und Immigrant, aber als Jude und als Immigrant, der nicht im Untergrund oder im Hotel Lux überlebte, von den eigenen Genossen beargwöhnt. Horst Brasch, Hans Grundig und Lea Grundig gehörten einer durchaus tragisch zu nennenden Generation an; traumatisiert von Verfolgung und Krieg sahen sie ihre historische Mission darin, nun eine bessere Gesellschaft aufzubauen, allerdings verstrickt in ideologische Grabenkämpfe und parteipolitische Schlammschlachten. Die Genossin Lea Grundig traf es als Frau, als Jüdin, als zurückgekehrte Immigrantin und damit ebenfalls als Kommunistin zweiter Klasse, hart. Das erklärt vielleicht zum Teil, weshalb sie später als Hardlinerin galt. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass ihr grafisches Werk in den 1950er und -60er Jahren selbst Opfer der berüchtigen Formalismusdebatte wurde, ihr proletarischer Expressionismus passte nicht in das Bild vom neuen Menschen, der durch eine neue Kunst zu erziehen bzw. heranzuziehen war – aus keinerlei Traditionen herleitbar, außer von einem sozialistischen Realismus, der jungfräulich aus der Asche „bürgerlicher Dekadenz“ aufzuerstehen hatte.
Es ist zu einer Unsitte geworden, Menschen und Kunstwerke an Maßstäben und an Kategorien zu messen, die ihnen historisch nicht zur Verfügung standen. Daher bleibt vor allem eines zu sagen, zu betonen: Dass Hans und Lea Grundigs Mut und Konsequenz während der Nazi-Diktatur vorbildlich waren, es weiterhin sind und es für immer bleiben werden. Die Traumata, wie sie die Generation der Grundigs erlebte, wie sie aus der Erfahrung einer drohenden physischen Auslöschung resultierten, weisen mit den Bedingungen, welche die Musikerinnen und Musiker, die in den 1980er Jahren ihren künstlerischen Aufbruch in der DDR-Gegenkultur erlebten, und teils durchlitten, sicher keine Gemeinsamkeiten auf. Die Brisanz dessen, was es hieß, als Künstler durch ein NS-Regime verfolgt zu sein, ist nicht vergleichbar mit den Erfahrungen, in der DDR-Diktatur politisch und künstlerisch als artfremd gegolten zu haben. Dennoch: viele der Bands und Projekte, die auf tapetopia veröffentlicht sind, verweigerten sich einer Diktatur und einem staatlich betreuten Künstlerdasein. Die DDR hielt einen bunten Strauß an elastischen Gummiparagraphen bereit, die Berufsverbot bis hin zu Haft bedeuten konnten. Die Angst, Opfer eines dieser Paragraphen und in seinem künstlerischen Schaffen abgewürgt zu werden, hielt eine überwiegende Mehrheit ab, sich dem Regime zu entziehen oder sich ihm entgegenzustellen.
Das mag verständlich, das mag noch hinnehmbar sein. Nicht hinnehmbar ist, wenn einst vom Staat umhegte Musiker, die zu keinem Zeitpunkt bedrohten oder inhaftierten Kollegen zur Seite sprangen, heute meinen, sie hätten einen lebenslangen Anspruch auf ihren privilegierten Status von einst. Frustriert darüber, dass dieser Status mit der DDR erlosch, und damit auch ihr Abonnement auf Wahrnehmung, vergiften sie absichtsvoll, was andere geschaffen haben. Die Erfahrung, öffentlich diffamiert und verhetzt zu werden, gehört, es muss gesagt sein, auch zur Arbeit an tapetopia. Denn es entspricht einem historischen Muster, dass Mitläufer, die nichts riskierten, diejenigen beschädigen wollen, welche sich außerhalb oder gegen das beste aller Gesellschaftssysteme stellten; mehr noch, dass Opportunisten sich heute als Widerständler inszenieren, nur weil sie während der letzten Zuckungen des Regimes mal nicht mit dem Wind heulten, sondern gegen ihn säuselten, als dieser schon dabei war, sich zu drehen – was bedeutete, dass sie sich schon wieder nach dem Wind richteten.
Doch nicht ihnen soll diese Rede gelten, denn diese Rede ist eine Dankesrede:
tapetopia dankt Hans und Lea Grundig für das Vorbild ihrer Renitenz, das nicht unter schwierigen Verhältnissen glänzte, dafür aber in schwärzesten Zeiten leuchtete.
Mein Dank gilt der Jury und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. tapetopia gratuliert den anderen beiden Preisträgerinnen Cana Bilir-Meier und Ksenia Galiaeva!
Dank auch an Lucia Palacios und Dietmar Post von play loud productions dafür, dass sie die ersten drei Nummern herausgegeben haben und damit die Serie 2019 mit aus der Taufe hoben.
In besonderer Weise danke ich meinem Freund und Kollegen Philipp Strobel, sein Label aufnahme + wiedergabe bietet tapetopia seit nunmehr fünf Jahren eine Heimat. Danke Philipp, der Hans und Lea Grundig Preis geht auch an Dich. Und auch an Deine Frau Petra Strobel, die eine Stütze all unserer Unternehmungen ist.
Unsere tiefe Dankbarkeit gilt allen Bands und Projekten, allen Musikerinnen und Musikern, die tapetopia ihr Vertrauen gegeben haben, der Hans und Lea Grundig Preis 2025 ist jeder und jedem von ihnen gewidmet. Philipp Strobel und ich danken Black Flag Mastering, namentlich Friedemann Kootz, und dem Matatu Tonstudio, namentlich Jens Halbauer, wie auch Thorsten Philipp – drei Audionauten, die vierzig Jahre alte Bänder oder Kopien von Bändern in einer erstaunlichen Qualität wieder hörbar machen und damit auch vor ihrem Verschwinden bewahren.
Wir danken der Layouterin Ireen Koepke und dem Layouter Ralph Gabriel, ohne deren Können, Geduld und Großzügigkeit tapetopia nicht den grafischen Anspruch erfüllen würde, für den die Serie steht.
Wir danken unserem Freund Maik Reichenbach, der die tapetopia Online Dependance betreut.
Wir danken allen Autoren und Autorinnen, insbesondere aber unserem Freund, dem Autor und Herausgeber Robert Mießner, der die Mehrzahl der ebenso aufschlussreichen wie poetischen Linernotes zu den einzelnen Veröffentlichungen beigesteuert hat, denn tapetopia ist nicht nur eine akustische, sondern auch eine literarische Serie. Die Übersetzungen ins Englische besorgt wort- und bildgetreu Stefan Widdess – auch ihm Dank für die jahrelange Zusammenarbeit.
Und ich danke zuletzt, aber an erster Stelle meiner Freundin Sarah Baumann – Du bist die viel zu unsichtbare Hüterin der Serie. Was tapetopia an Erfolgen zu verzeichnen hat, das ist ohne Deine Hingabe und ohne Deine Liebe nicht denkbar. Deshalb geht der Hans und Lea Grundig Preis ebenso an Dich.
Und damit möchte ich schließen. Ich verneige mich noch einmal vor der Jury und will ihr nicht vorenthalten, wofür das Preisgeld Verwendung finden wird: für eine Platte von Betonromantik, einer der frühesten Ostberliner Punkbands. Es wird die Nummer 32 der Serie sein, benannt nach einem legendären Song, nach einer Brandrede als Wutgesang – ihr Titel: DDR Terrorstaat!
DANKE!
Henryk Gericke